Skip to content

Das Konzept der kraniosakralen Techniken

Osteopathie befasste sich ursprünglich ausschließlich mit Beschwerden des Bewegungsapparates und deren manuelle Behandlung. Der Schädel galt damals als verknöcherte Einheit ohne eigene Beweglichkeit. Die Ausweitung der klassischen Osteopathie auf den Kopfbereich ist der Verdienst von William Garner Sutherland, ein Schüler Andrew Taylor Stills, dem Begründer der Osteopathie. Durch detaillierte anatomische Studien, Experimente am eigenen Körper und feinfühliger Palpation und Beobachtung entwickelte er sein Therapiekonzept. Er gewann Erkenntnisse über das körpereigene Regulationssystem, das für das Gleichgewicht und ein gesundes Funktionieren des Körpers verantwortlich ist. Da der Schädel (Kranium) und das Kreuzbein (Sakrum) eine Schlüsselstellung einnehmen, nannte er sein Konzept kraniosakrale Osteopathie. Neben seinem Praxisbetrieb arbeitete er in einer Kinderklinik. Durch die osteopathische Behandlung konnte er bei vielen Kindern eine erstaunliche Besserung oder eine vollständige Heilung erreichen. Der deutliche Erfolg führte zu einer raschen Verbreitung der Therapie. Trotz intensiver wissenschaftlicher Forschung kann die Wirkung jedoch nur teilweise logisch erklärt werden.

Kranialrhythmus – Puls des Lebens

Allgemein verstehen wir unter der Beweglichkeit des Körpers die Motorik des gesamten Bewegungsapparates, die Atmung, den Herzschlag, etc. Neben diesen großen, deutlich erkennbaren Bewegungen gibt es eine minimale, subtile Beweglichkeit aller Gewebe. Mit einem Rhythmus von acht bis zwölf Zyklen pro Minute streckt sich der gesamte Organismus aus und zieht sich wieder zusammen. Da diese Bewegung der Atmung im gewissen Sinn ähnlich ist, hat sie Sutherland als PRM – primary respiratory mechanism, als primären Atemmechanismus bezeichnet. In Deutschland ist der Begriff Kranialrhythmus am geläufigsten. Der Kranialrhythmus kommt im Körper in folgenden Bereichen zum Ausdruck:

Beweglichkeit von Gehirn und Rückenmark

Jede einzelne Nervenzelle nimmt an dem Kranialrhythmus teil, indem sie sich langsam dehnt und wieder zusammenzieht. Die Nervenzellen sind mit ihren Ausläufern mit Abstand die größten Zellen des Körpers (bis zu 1 Meter!). Durch viele hintereinander geschaltete Zellen summieren sich die kleinen Bewegungen, so dass die Bewegungsamplitude des zentralen Nervensystems bis zu einem Zentimeter beträgt. Sehr eindrucksvoll wird dieses Phänomen von John Upledger beschrieben. Bei neurochirurgischen Operationen beobachtete er die deutliche aktive Beweglichkeit der Rückenmarkshäute, selbst unter Narkose. Da in keinem Physiologiebuch davon die Rede ist, veranlasste es ihn, dieses Phänomen näher zu erforschen. Die Spur führte ihn zu Sutherland und der Osteopathie.

Fließen des Liquors

Der Liquor cerebrospinalis wird in den Wandbereichen der Hirnventrikel gebildet. Das geschieht in kleinen Wellen, die sich dann über das gesamte Ventrikelsystem und entlang des Wirbelkanals bis zum Kreuzbein fortsetzen. Der pumpenden Fließbewegung des Liquors wird eine große Bedeutung beigemessen, da sie als Impulsgeber des Kranialrhythmus beschrieben wird.

Beweglichkeit der Schädelkochen

Die Schädelknochen galten lange Zeit als starres Gehäuse für Gehirn und Sinnesorgane. Tatsächlich ist eine Beweglichkeit im Bereich der Knochennähte vorhanden. Die Knochen selbst weisen eine gewisse Plastizität und Geschmeidigkeit auf, was am Kinderschädel noch am deutlichsten zu spüren ist. Durch sensibles Ertasten oder auch mittels feinster technischer Messmethoden kann festgestellt werden, dass sich die Kopfform mit dem Kranialrhythmus minimal verändert. Die einzelnen Knochen wirken dabei wie Zahnräder zusammen. Die zentrale Achse liegt in der Schädelbasis zwischen Keilbein und Hinterhauptsbein. Spannungen und Dysfunktionen in diesem entscheidenden Bereich beeinflussen den gesamten Organismus. Durch unmittelbare Nähe zur Hypophyse kann das Hormonsystem irritiert werden. Fehlhaltungen des Rückens mit Wirbelsäulenverkrümmung sind eine andere häufige Folge. Ist die Zentralachse der Schädelbasis durch einen Unfall oder durch extreme Kompressionen während der Geburt blockiert, ist eine allgemeine Vitalitätsminderung und Schwäche bis hin zu Entwicklungsstörungen und ausgeprägten psychischen Störungen möglich.

Bewegung des Kreuzbeins

Das Kreuzbein wird lateinisch Os sacrale, heiliger Knochen, genannt. Den Namen trägt es zu Recht, da es ein wesentlicher Schlüsselknochen für die gesamte Körperstatik und Motorik ist. Im Kranialrhythmus neigt es sich leicht vor und richtet sich wieder auf. Beim normalen Gehen führt das Kreuzbein eine pendelnde Achterbewegung (Lemniskate) aus. Das stimuliert und kräftigt wiederum den Kranialrhythmus.

Bewegung der Hirn- und Rückenmarkshäute

Das zentrale Nervensystem ist in die Hirn- und Rückenmarkshäute wie in Taschen eingebettet. Ähnlich einem Mobile, das aus der Balance gekommen ist, werden Fehlspannungen dieser Bindegewebshäute wie mit Seilzügen fortgeleitet. Diesem Membranensystem kommt eine wichtige Integrationsfunktion der verschiedenen Aspekte des kraniosakralen Systems zu.

Bewegung der Faszien

Die Faszien wurden bereits in ihrer Eigenschaft als Umhüllung von Organen im vorherigen Kapitel beschrieben. Über die Faszien breitet sich der Kranialrhythmus im gesamten Körper aus.

Der kraniosakrale Rhythmus dient der Diagnose und Therapie. Durch leichten ruhigen Handkontakt tastet der Osteopath am Kopf des Patienten, in welchem Bereich Spannungen und Dysfunktionen vorliegen. Mit minimalen Impulsen können einzelne Schädelknochen, aber auch innere Strukturen des Schädels behandelt und die Bewegung der Hirnflüssigkeit beeinflusst werden. Das Ziel ist, eine freie Entfaltung des Kranialrhythmus im gesamten Körper zu ermöglichen und damit die Eigenregulation und Selbstheilungskräfte anzuregen.

Erstaunlich ist, wie wenig Kraft nötig ist, um deutliche Veränderungen zu bewirken. Weniger ist mehr – der Unlogik zum Trotz. Liegt ein großes Schiff am Kai, kann ich es auch mit einem noch so kräftigen, ruckartigen Stoß nicht einen Millimeter von der Stelle bewegen. Setze ich mich aber bequem ans Ufer und stütze meine Füße auf dem Schiffsrumpf ab, wird sich das Schiff nach einer Weile wie von alleine langsam von mir wegbewegen.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *