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Was zum Nachdenken

Oberbegriff „Liebe“ – von Christine Nöstlinger

Eltern küssen aus Liebe, schlagen aus Liebe, entziehen sogar Liebe aus Liebe!

Und geliebt fühlen sich Eltern von ihren Kindern sowieso. Das kann sich zwar ändern, wenn die Kinder zu Jugendlichen werden, aber dass kleine Kinder Mama und Papa (falls selbiger vorhanden) lieben, dessen dürfen sich die Herren und Damen Eltern sicher sein, und nicht nur, weil es das vierte Gebot zur moralischen Pflicht macht. Sie haben ja tagtägliche Beweise dafür.

Das Kind ist unglücklich, wenn es sich von den Eltern trennen muss, freut sich, wenn es sie wiedersieht,ist eifersüchtig auf der Eltern Zuneigung zu anderen Menschen und ist stets auf Zuwendung und Zärtlichkeit der Eltern aus, und das alles deutet ja wohl auf Liebe hin.

Ein Kind dagegen hat mit dem Lieben und Geliebtwerden viel mehr Probleme, denn es muss von winzigklein auf erfahren, dass die Liebe, die es seinen Eltern entgegenbringt, nicht immer angenommen wird.

Es fällt lästig, wenn es an der Kittelfalte hängt, es wird ihm verboten, in der Nacht ins Bett der Eltern zu kriechen, seine Lust auf Kuscheln und Schmusen wird rationiert und nur in Portionen, die ihm zu klein sind, befriedigt. Und immer stört jemand oder etwas die Liebesbeziehung, denn Kinderliebe ist unermesslich und gefräßig, rund um die Uhr.Ich muss arbeiten, ich habe keine Zeit, stör nicht, lass mich endlich einmal in Frieden, ich will allein sein, ich will mit dem Papa reden- und und und.

Ein Kind erlebt das als Frustration, selbst dann, wen seinen Eltern, sehr objektiv betrachtet, sehr viel Zeit für es erübrigen. Kindern sind sich der Liebe ihrer Eltern gar nicht so sicher, wie die meisten Eltern das annehmen.

Warum sollten sie eigentlich auch? Die Hand, die oft streichelt, droht manchmal oder sie schlägt zu.

Der Mund, der oft zärtliche Worte sagt, schimpft oft böse.

Der Mensch, der einen am Morgen anlächelt, lacht einen zu Mittag aus.

Wann man in die Arme genommen und wann man weggestoßen wird, ist ungewiss. das macht unsicher.

Und sehr oft hört das Kind ja auch ganz unverblümt: Da hat dich die Mami aber nimmer lieb, wenn du so schlimm bist!

Doch selbst, wenn das nicht gesagt wird, bekommt ein Kind bald heraus, dasss das unterschieliche Verhalten der geliebten Personen etwas mit seinem Betragen zu tun hat, und von da bis zu der Überzeugung: „Meine Eltern lieben mich nur, wenn ich mich so verhalte, wie sie es von mir erwarten“, ist es nicht weit.

Da sich kein Kind aber immer so verhalten kann, wie die Eltern es von ihm erwarten, gibt es in günstigen Fällen Stunden, in ungünstigen Fällen eine ganze Kindheit, wo sich das Kind nicht geliebt fühlt.

Das ändert nun aber an der Liebe des Kindes zu seinen Eltern gar nichts. Die bedingungslose, alles verzeihende Liebe, die so gern und so rührselig den Eltern, speziell den Mamas nachgesagt wird, haben in Wirklichkeit die Kinder. Und weil ihre bedingungslose, alles verzeihende Liebe noch dazu eine total abhängige ist, ist sie auch eine tragische, denn sie führt dazu, dass die Eltern, auch wenn sie sich gemein, böse, lieblos oder sadistisch verhalten, von den Kindern „geschont“ und weiterhin als „lieb und gut“ gesehen werden.

Und das gelingt nur, wenn sich die Kinder selbst beschuldigen. Kinder wissen ja nicht, dass Eltern zur ihrem eigenen Wohle (oder was sie dafür halten) erziehen.

Da hat dann die Pervertierung des vierten Gebots stattgefunden, die da lautet: Du sollst deine Eltern schonen und ihre Schuld an dir auf dich nehmen, auf dass du dich weiterhin geliebt fühlen darfst!

Aus solchen Kindern werden gar nicht so selten Erwachsene, die erinnernd noch immer sagen: „Jede Ohrfeige meines Vaters hat aus mir einen besseren Menschen gemacht!“ Und: „Meiner armen Mutter haben ja die Ohrfeigen, die sie mir gegeben hat, viel mehr weh getan als mir!“

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